Städteurlaub | Urlaub in Österreich

A schöne Leich’

14. Mai 2018

Wie schon im vorherigen Beitrag über Wien angekündigt, möchte ich euch nun ein ganz besonders Museum in Wien vorstellen und euch auch ein wenig in die Unterwelt bzw. in das Jenseits mitnehmen. Vielleicht könnt ihr euch schon denken wohin die Reise geht – wir besuchen zwei der unzähligen Wiener Friedhöfe. Einige die mich näher kennen wissen ja um meine Vorliebe für den Friedhofsbesuch. Ich spreche jetzt nicht unbedingt von dem Besuch einer Beerdigungen, sondern der Besichtigung alter Friedhöfe die oftmals in wunderschöne Parkanlagen eingebettet sind und einen, trotz der zentralen Lage, den Trubel der Stadt vergessen lassen.

In Wien zählt zu dieser Kategorie zweifelsohne der Sankt Marxer Friedhof im Süden der Stadt. Er ist sehr gut mit der Trambahn 71 (Ausstieg am Rennweg) erreichbar und wirkt in unmittelbarer Nachbarschaft zu Schulen, Autohäusern und Bürogebäuden recht unscheinbar und auch ein wenig deplatziert. Da stellt sich natürlich auch die Frage was zuerst da war, der Biedermeierfriedhof oder das Porsche Autohaus 😉 ?

Ich schreibe hier ganz bewusst Biedermeierfriedhof, weil der Sankt Marxer Friedhof der ältestes Friedhof aus der gleichnamigen deutsche Kunst- und Kulturepoche ist und die Gebeine von hunderten bedeutenden Persönlichkeiten auf dem Friedhof begraben wurden. Am Eingang des Friedhofs befindet sich eine Tafel mit einem mehr oder weniger genauen Lageplan – wenn man Glück hat stehen schon ein paar Leute vor dem gesuchten Grab.

Der Friedhof wurde zwischenzeitlich zu einer Parkanlage umgewidmet und über die Jahrzehnte hinweg hat die Natur das Areal wieder “zurückerobert”. Einzig und alleine das Grabdenkmal zum Gedenken an Wolfgang Mozart ist ordentlich mit Steinen eingefasst und der Grabstein glänzt wie wenn man ihn erst vor ein paar Jahren aufgestellt hätte. Zu verdanken ist das einem engagierten Friedhofswärter. Der Musiker und Komponist wurde damals ohne großen Pomp mit ein paar anderen Wienern in einem allgemeinen Schachtgrab* beigesetzt. Das heute zu sehende Grabdenkmal wurde erst viele Jahre nach Mozarts Tod und auch nur so ungefähr an der ehemaligen Grabstelle errichtet. Trotz oder gerade wegen der ärmlichen Beerdigung, hält sich bis heute noch hartnäckig die These vom “verarmten Genius Mozart“, welche jedoch nach aktuellen Erkenntnissen schlicht und ergreifend falsch ist.

Die Art und Weise des Begräbnisses war damals, Ende des 18. Jahrhunderts, durchaus die gängigen Beerdigungspraxis. Hier hatten auch wieder die Habsburger ihre Finger im Spiel – dem Kaiser Joseph II. war nämlich die opulente und kostspielige Wiener Begräbniskultur ein Dorn im Auge und er versuchte mit einer neuen Begräbnisordnung dem Protz und Prunk bei den Beisetzungen einen Riegel vorzuschieben. In dieser Zeit durften die Leichen nicht einmal in Särgen beerdigt werden und ein Grabsteine sowie Blumenschmuck waren in den 5er-Gräbern strengstens verboten. Die Särge wurden demnach nur für den Transport verwendet und danach recycelt, sprich einfach als “Mehrweg-Sarg” wiederverwendet – eine interessanter Gedanke wie ich finde. Vor allem auch unter dem Aspekt, dass der Sarg einen aufklappbaren Boden hatte und man die Leiche so “einfach” ins Grab befördern konnte.

Heute ist das zum Glück nicht mehr so streng und jeder kann nach seiner Fasson Leben und Sterben bzw. beerdigt werden. Die wohl lebendigsten Bewohner auf dem Sankt Marxer Friedhof sind übrigens die Bienenvölker die wir unweit von Mozarts Grabdenkmal zwischen dem blühenden Flieder entdeckt haben 🙂 . Ich denke es gibt, so aus der Sicht eines Bienchens, schlechtere Ort zum Leben.

Verglichen mit dem Sankt Marxer Friedhof, auf den sich nur ein paar Besucher und noch weniger Touristen verirrt hatten, ist der Trubel auf dem Zentralfriedhof schon um einiges größer. Hier gibt es richtige Empfangsräumlichkeiten mit Büros, einem kleinen Café und dem besagten Museum. Die Wiener schrecken halt auch vor nichts zurück 😉 – ich glaube es wäre undenkbar auf dem Ulmer Friedhof ein Friedhofs-Café zu etablieren. Also, wenn ihr von der vielen Rumlauferei geschwächt seit, steht einer kleinen Kaffeepause am Tor 2 des Friedhofes nicht im Wege 😉 . Der Zentralfriedhof ist ebenfalls mit der Trambahn 71 erreichbar, wobei ich euch hier die Kombination mit der U3 (U-Bahnhof Simmering) empfehle. Von einem Fußmarsch ab der Innenstadt würde ich abraten – “Do plogs di o und brennst di aus”.

Vor dem Tor 2 des Wiener Zentralfriedhofs

Auch würde ich euch das Tor 2 als zentralen Startpunkt für eine Exkursion auf dem Friedhof empfehlen. Das von mir jetzt schon zig Mal explizit angesprochene Bestattungsmuseum am Wiener Zentralfriedhof befindet sich ebenfalls unweit des Tores und kann eigentlich nicht verfehlt werden. Das Museum (hier gehts zur Homepage) beschreibt interaktiv und sehr kurzweilig wie sich das Wiener Bestattungsgewerbe in den letzen Jahrhunderten gewandelt hat und was in den einzelnen Jahrzehnten “angesagt war”. Das man mit Begräbnissen viel Geld machen kann ist ja keine Erfindung des 21. Jahrhunderts und in der Trauer (sowie im Glück) sind die meisten Menschen noch einfacher dazu zu bringen teils horrende Geldsummen auszugeben.

Das wurde in Wien durch die Zentralisierung der Bestattungsunternehmen und der Friedhöfe versucht, sagen wir mal “einzudämmen”. Nicht immer zur Freude der “Betroffenen” – den Angehörigen, die man ja von Wucher und einer möglichen Abzocke bewahren wollte. Eine Beerdigung ist doch auch ein “Event” und muss mindestens den Status des Verstorbenen zu Lebzeiten wiederspiegeln. Andererseits gab es Anfang des 20. Jahrhunderts auch Beschwerden von Anwohnern der Simmeringer Hauptstraße denen die endlose Anzahl von Leichentransporten und Kondukten* zum Friedhof gehörig aufs Gemüt geschlagen hat. Die in den Wintermonaten im Schnee feststeckenden Pferdekutschen haben natürlich nicht zur allgemeinen Beruhigung der Großlage (sprich des Verkehrs und der tobenden Anwohner) beigetragen. Auch an Allerseelen hatte das Treiben, frei nach dem Motto “Bist du noch auf dem Friedhof oder besuchst du schon den Würstchen Prater?”, eher Jahrmarkt Charakter. Die Lage hat sich erst nach dem 1. Weltkrieg etwas entspannt, als für den Leichentransport speziell ausgebaute Straßenbahnwagen benutzt wurden, und der Trauerzug nur noch innerhalb der Friedhofsmauern, sprich auf den letzen Metern zum Grab hin, gebildet wurde.

Im Museum kann man sich ein paar interessante Filme über die Beerdigungen der Habsburger Kaiser anschauen und bekommt auch einen historischen Abriss über z.B. die Entwicklung der Leichenwägen (von der Kutsche zum E-Mercedes 😉 ) oder den Traueranzeigen, kann teils kuriose Geschichten lesen und Relikte wie ein Herzstichmesser bewundern. Bei dem Ausspruch „a schöne Leich“ geht es dem Wiener übrigens nicht um das Aussehen der Leiche sondern um die pompöse Beerdingung.

Bestattungsmuseum auf dem Zentralfriedhof

Ich denke, dass sich mit der jungen Generation der Wiener auch wieder ein Wandel vollziehen wird und die Aussage “die Wiener laufen gern hinter Särgen her und säumen den Weg großer Trauerzüge” zwischenzeitlich auch wieder veraltet ist. Heutzutage hat sich die Einstellung zum (repräsentativen) Grab und auch zur Grabpflege doch gewandelt und man überlegt es sich genauer ob am sich “den Schuh anzieht” für 15 Jahre ein Grab zu pflegen, nur weil die Nachbarn schlecht über eine reden könnten. Zu Zeiten von WhatsApp und Twitter brauchen auch die wenigsten Menschen eine Beerdigung zum Socializing 😉 .

Habt ihr eigentlich gewusst, dass den Habsburger Kaisern die Eingeweide entfernt und diese in kleinen Urnen in den Katakomben verschiedener Kirchen im Wiener Stadtgebiet aufbewahrt werden? Auch im Steffl, hier ist der Stephansdom gemeint, liegen ein paar Körperteile rum … auch so eine Eigenart … aber nun gut.

Aber zurück zu den Lebenden und dem Besuch des Friedhofes. Euch hier gibt es am Eingang des Friedhofs die altbekannte Tafel mit den Ehrengräbern und Grabstätten bekannter Personen. Wenn ihr Lust habt könnt ihr am Tor 2 auch Fahrräder leihen und die Stadt in der Stadt mit einer Fläche von 2,5 km² und den rund 330.000 Grabstellen auf dem Zweirad erkunden. Für 3 Euro könnt ihr auch mit dem Auto über den Friedhof cruisen – fast wie in den USA 😉 .

Wie bereits erwähnt wurden viele Persönlichkeiten im Rahmen der Zentralisierung auch von anderen Friedhöfen auf den Zentralfriedhof umgebettet. Natürlich wurden auch Udo Jürgens und Falco auf dem Zentralfriedhof beigesetzt. Beide sind als zeitgenössische öffentliche Personen weit über die Landesgrenzen Österreichs hinaus bekannt.

Dort waren natürlich die meisten Touristen vorzufinden und ich würde beide Gräber bzw. die Grabmale als “extravagant” beschreiben. Udo Jürgens Grabstein stellt z.B. einen Flügel dar und wurde von seinem Bruder, Manfred Bockelmann, gestaltet. Der Friedhof ist, wie viele anderen Friedhöfe auch, in Sektionen eingeteilt und ich würde sagen, dass fast jede Religionsgemeinschaft mit einer solchen vertreten ist. So sind in einem Teil des Friedhofes ausschließlich Sinti und Roma begraben und in einem anderen Teil Menschen die dem mormonischem Glauben angehören. Ich finde es sehr interessant, wie sich die Gestaltung der Gräber und somit auch das Verständnis für den Tod hier unterscheiden.

Die Friedhofskirche zum Heiligen Karl Borromäus ist das zentrale Gebäude auf dem Friedhof und nicht so einfach zu übersehen. Ein Tipp – man kann die Kuppe der Kirche auch super als Orientierungshilfe verwenden 😉 . Die Ehrengräber sind in Gruppen gegliedert und die folgende Tabelle enthält eine kurze Aufstellung der (vielleicht) für die Allgemeinheit interessanten Gräber:

Name des Verstorbenen Gruppe / Grabplatz 
Udo Jürgens 33G / 85
Falco (Hans Hölzel) 40 / 64
Franz Schubert 32A / 28
Ludwig van Beethoven 32A / 29
Wolfgang Amadeus Mozart 32A / 55
Theo Lingen 32C / 46
Curd Jürgens 32C / 54

 

Auch die NS-Vergangenheit wird auf dem Friedhof aufgearbeitet. In der Gruppe 40 liegen neben bekannteren und unbekannteren Menschen aus dem Showbiz auch die während der NS-Zeit hingerichteten Widerstandskämpfer in anonymen Gräbern beerdigt. Ich finde die Platzwahl ja generell ein wenig kurios und befremdlich, aber nun gut vielleicht gab es ja keinen anderen Platz für Falco etc.. Auch den österreichischen NS-Opfern aus den Konzentrationslagern wird im Gräberfeld der Gruppe 40 gedacht. Hier muss ich leider anmerken, dass das Gedenken zeitlich gesehen recht spät eingesetzt hat. Ich denke für die Österreicher, und davon können wir Deutschen ja auch ein Lied singen, ist es auch nicht leicht sich mit den dunklen Seiten der eigenen Geschichte zu beschäftigen. Interessant ist auch, dass auf allen Gedenktafeln auf das Wort “Deutsche” verzichtet und hier von den “Opfern des Faschismus” gesprochen wird.

Wenn ihr euch auf den Friedhof einlassen wollt und auch Lust habt euch ein wenig treiben zu lassen, empfehle ich euch für einen Besuch etwas 2 – 3 Stunden einzuplanen.

*Als Kondukt wird in Österreich eine feierliche Begleitung eines Sarges von der Aufbahrungshalle bis zur Grabstelle bezeichnet. Man kann das Ganze auch einfach Trauerzug nennen. 

*Bezeichnet letztendlich ein rechteckig ausgehobenes Grab wie es auch heutzutage auf den Friedhöfen vorzufinden ist.