Urlaub im Baltikum

Litauen – Zwischen heißem Sand und kaltem Krieg

26. Mai 2018

Wir sind am Abend in Klaipeda angekommen und haben uns in einem armenischen Hotel in der Nähe der Altstadt eingemietet. Ich hatte das Hotel bereits von daheim aus reserviert, weil ich ein wenig Sicherheit für die erste Nacht im Baltikum wollte und auch vermeiden wollte, einen Campingplatz zu suchen. Die Ankunft der Fähre war zudem für 17:30 Uhr geplant und wie erwartet hat die Ausschiffung dann auch noch eine Stunde gedauert. Am Abend sind wir vor dem Schlafen gehen noch ein wenig in der recht überschaubaren Altstadt spazieren gegangen und haben uns am Hafen ein wenig umgesehen.

Die Geschichte Klaipedas ist stark mit dem des Memellandes (genau dem “von der Maas bis an die Memel” 😉 ) und Klein-Litauen verwoben und hatte schon, wie bereits auch andere Regionen in den baltischen Staaten, über die Jahrhunderte viele „Herren“ gehabt. Ich schreibe übrigens immer vom Baltikum bzw. den baltischen Staaten und das hören vor allem die Litauer gar nicht gerne. Hier möchte man einfach nie nicht mehr zu einem Staaten-Konglomerat wie zu Sowjetzeiten gehören. Die Stadtgeschichte geht bis in das 13. Jahrhundert zurück. Damals wurde die Memelburg, deren Ruinen heute noch in der Nähe des Hafens besichtigt werden können, erstmals Zentrum der neuen Stadt Memel. Das verrückte daran ist, dass das Ganze sprich der Stadtname auf einem großen Irrtum gründet: der Fluss der durch Klaipeda fließt ist nämlich gar nicht die Memel sondern die Dange. Die Memel liegt ein Stückchen südlicher und markiert die Grenze zu Weißrussland.

Alles in allem fand ich das Örtchen nett, aber nicht so interessant das ich hier noch einen weiteren Tag hätte verbringen wollen. Dazu kommt auch, dass wir super tolles Wetter hatten und das irgendwie gegen den Besuch des Burgmuseums oder des Museums der Geschichte Klein-Litauens gesprochen hat 😉 . Wir haben auf dem Theaterplatz im Herzen der Stadt noch einen Kunsthandwerkermarkt besucht (dessen Stattfinden sicher nur ganz entfernt was mit dem Einlaufen eines riesigen Kreuzfahrtschiffs zu tun hatte) und sind dann am nächsten Morgen bzw. späten Vormittag weiter in Richtung Palanga aufgebrochen.

Das Städtchen Palanga ist der größte Badeort des Landes und hat sich jetzt zu Beginn der Saison für die in den nächsten Wochen herbeiströmenden Touristenmassen herausgeputzt. Das Zentrum und die Seebrücke sind nur zu Fuß oder mit dem Fahrrad zu erkunden und mich hat das Ganze stark an Südfrankreich oder auch die Ostküste der USA erinnert. Restaurants reihen sich hier an Restaurants und Verkaufsstände.

Auf dem Pier sind viele Angler unterwegs und die Sandstrände erstrecken sich bis zum Horizont. Habt ihr gewusst, dass die armenischen Restaurants in Litauen ein wenig wie die Italienischen bei uns in Deutschland sind? Viele verbinden wohl den Restaurantbesuch mit Sonne, Strand und Urlaub – was ja bis zur Öffnung des Ostblocks nicht so einfach zu erleben war 😉 . Ich würde Palanga jetzt nicht als besonders sehenswert bezeichnen, dennoch lohnt sich ein kurzer Abstecher für ein Eis und einen Spaziergang am tollen Ostsee-Sandstrand bzw. im Hochsommer für eine Erfrischung in der Brandung der Ostsee. An diese Stelle möchte ich noch auf eine Sache eingehen die ich im Reiseführer vermisst habe und die für ein wenig Verwirrung bei uns gesorgt hatten: In Litauen werden die Wochentage mit römischen Ziffern dargestellt (beginnend bei I für Montag, VII für Sonntag) und somit ist man des Öfteren damit Konfrontiert, wenn man vor der evtl. verschlossenen Türe eines Geschäftes oder eines Restaurants steht 😉 .

Übernachtet haben wir auf einem Campingplatz nördlich der Stadt in der Nähe von Sventoji. Die Betreiber des Kempingas OŠUPIS haben uns sehr freundlich empfangen und ich war schon lange nicht mehr auf einem so sauberen und gut ausgestatteten Campingplatz. Das Beste aber ist – bis zum Strand sind es nur ein kurzer Spaziergang von 200 Meter durch den Pinienwald.

Wir haben von der Küste aus einen Ausflug in die Städtchen Kretinga, Plungė und den Žemaitija National Park unternommen. Alles liegt innerhalb der Reichweite eines Tagesausflugs und ist sehr gut mit dem Auto erreichbar. Ich würde die Straßen in Litauen auch nicht als schlecht beschreiben, wie das in den ein oder anderen Foren verbreitet wurde. Fakt ist, entweder ist eine Straße geteert oder sie ist es nicht, d.h. viele der Nebenstraßen, sprich Zufahrten oder Verbindungsstraßen in kleinere Dörfchen sind einfach nicht geteert, sondern nur geschotterte Pisten die aber sehr gut zu befahren sind. Generell wird nach den harten Wintern viel gebaut und erneuert und daher sind lange Stücke nur per Ampelregelung einspurig befahrbar.

Was aber meist sehr gut in Schuss ist sind die Radwege – oft EU-finanziert 😉 . Die Litauer scheinen sehr gerne mit dem Rad unterwegs zu sein und so gibt es auch im Žemaitija National Park ein Netz an Radwegen die rund um den zentral gelegenen Plateliai-See verlaufen. Der Park kostet keinen Eintritt und ist in verschiedene Zonen eingeteilt. D.h. manche Bereiche des Parks sind für die Besucher gesperrt und nicht zugängig, in anderen Bereichen der wildromantischen Hügellandschaft darf auf großen und schön hergerichteten Picknickarealen am offenen Feuer gegrillt werden. Wir sind ein wenig am See entlanggelaufen und ich habe die Zeit zum Fotografieren genutzt. Die Wiesen stehen in voller Blüte und die vielen Libellen verbreiten ein immerwährendes Summen und Surren. Die Landschaft ist stark vom Wasser geprägt, d.h. es gibt etliche Moorwiesen und Tümpelchen. Besucht ihr den National Park im Sommer würde ich euch auf jeden Fall einen Insektenschutz empfehlen, zu der aktuellen Jahreszeit (Ende Mai) war das aber trotz längerer Warmphase kein Problem.

Eine Tradition in der Region haben die Kapellpfähle und Bildstöcke die kunstvoll geschnitzt und wunderschön bemalt sind. Diese Bildstöcke kenne ich bereits aus der Bretagne, wobei sie dort aus Stein gehauen sind und oft im Vorhof der kleinen steinernen Kirchen zu finden sind. Hier stehen sie am Wegesrand und dienen bei Prozessionen als Stationen. Die Litauer sind ein sehr religiöses Volk und zu über 80 % Katholisch. Demnach hat die Kirche einen höheren Stellenwerte wie z.B. hier bei uns in Deutschland.

Inmitten der grünen Wiesen und Hügel befindet sich aber auch ein Ermahnung der Geschichte. Teile des Parks waren nämlich bis zum Zusammenbruch der Sowjetunion militärisches Sperrgebiet und Basis für vier Mittelstrecken Atomraketen mit dem Ziel Westeuropa – genauer genommen auch Deutschland. In den USA wurde bisher immer nur die “andere” Seite und für “uns” die “gute” Seite geschichtlich beleuchtet. Ich fand es mehr als gruselig jetzt am Rande eines Raketensilos zu stehen und zu wissen, dass hier eine Atomrakete die meine Heimat zerstören hätte können in knapp 45 Minuten zum Abschluss bereit gemacht werden konnte.

Im Gegensatz zu den Abschussbasen in USA, die wir schon besucht haben, ist der Besuch ohne Führung möglich und es gibt die Möglichkeit die Nase fast überall rein zu stecken. In USA wäre das schon aus Haftungsgründen nicht möglich. Bezeichnend war auch, dass viele Exponate und Videos eher aus den USA stammten, insbesondere wenn Technik und Bedieneinheiten gezeigt wurden und das obwohl die Raketen(technik) schon seit über 40 Jahren veraltet sind, konnte hier wohl kein Anschauungsmaterial aus Zeiten der UDSSR organisiert werden.

Auf der anderen Seite war die Aufklärung über die Gefahren der radioaktiven Verseuchung gegenüber der Bevölkerung erheblich plastischer dargestellt – kein “Duck and Cover” sondern Plakate und Abbildungen mit konkrete Anweisung für den Bau sicherer Unterstände, Dekontaminierung und Bergung/Entsorgung von Opfern.

Das Cold War Museum in Plateliai kostet pro Person 5 Euro Eintritt und ist leider nur mäßig ausgeschildert. Ich empfehle euch für die Route Google Maps oder ähnliches zu verwenden 😉 . Ihr könnt im Museum auch einen Audioguide für 3 Euro leihen. Dieser ist, genau wie die Tafeln im Museum, leider nur auf Englisch erhältlich. Als Paar händigt man euch aus Spargründen nur einen Guide mit zwei Kopfhörern aus. Sollte euch dies “zu nahe gehen” müsst ihr auf einem zweiten Guide bestehen (und bezahlen).

Cold War Museum in Plateliai

Der National Park ist von Plungė aus zu erreichen, aber als solcher gar nicht ausgeschildert. Die Beschilderung an sich ist etwas schwierig bzw. gewöhnungsbedürftig, was sicherlich zum einen darauf zurückzuführen ist, dass ich kein Litauisch lesen kann, und zum anderen, dass die Beschilderung lediglich Orte beinhaltet und nicht unbedingt Naturreservate oder Parks.

Auf unserer Fahrt zurück vom National Park haben wir noch einen kurzen Stop in Plungė gemacht und sind ein wenig im Park von Schloss Oginski spazieren gegangen. Das Schloss beheimatet das regionale Heimatmuseum und der Park ist Treffpunkt für Jung und Alt. Der Park um den kleinen See herum ist mit den vielen Blumen und hohen Bäumen wild romantisch angelegt.

Mit Kretinga, dem anderen Städtchen auf der Route, verhält es sich ähnlich wie mit Palanga. Der Ort ist, von einem kleinen Schlösschen, das sich gut als Fotomotiv eignet mal abgesehen, nicht besonders aufregend. Was zu dieser Jahreszeit aber schön zu beobachten ist, sind die vielen Storchennester am Wegesrand bzw. auf jedem fünften Strommasten.

Da das Land insgesamt gesehen sehr bewaldet ist und auch nur begrenzt Ackerbau betrieben wird, ist nicht nur im National Park viel Platz für verschiedene Vogelarten und andere Tiere wie z.B. Füchse oder Rehe, die mal einfach so über die Straßen huschen. Wir werden auf unserem Weg in den Süden, sprich Richtung Heimat nochmals in Litauen vorbeischauen und natürlich auch der Hauptstadt Vilnius einen Besuch abstatten. Alles in allem hat es mir an der Küste Litauens sehr gut gefallen und für mich wäre es jetzt schon eine Region die ich später mal wieder besuchen würde.

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