In wenigen Tagen ist der 24. Dezember, ein Datum von besonderer Strahlkraft. Heiligabend, ein Tag mit Sogwirkung, der Beginn von Weihnachten. Für viele ist gerade dieser Abend der Höhepunkt des Festes, vielleicht sogar des ganzen Jahres. Die eigentlichen Feiertage, der 25. und 26. Dezember, wirken dagegen oft nur wie ein Nachklang – ein Echo des großen Moments, während man von Verwandtschaft zu Verwandtschaft fährt und kaum zur Ruhe kommt.
Keine Zeit im Jahr ist so reich an Traditionen wie der Advent. Ihr kennt das sicher auch: Man versucht, alte Bräuche zu bewahren, und freut sich zugleich, wenn im Rückblick neue Traditionen entstanden sind. Jeder von euch hat bestimmt eigene Advents- oder Weihnachtstraditionen. Bei uns gehört der Adventskranz fest dazu. Früher war er nicht immer ganz klassisch, manchmal auch ein eher „fancy“ Gesteck. Doch seit ich jedes Jahr in unserer Kirchengemeinde beim Binden für den Adventsbasar helfe – und mein kleiner Sohn Henry ihn mit Begeisterung schmückt – ist er rund, üppig und voller Grün, also ganz traditionell.

Das etwas ungewöhnlich aussehende Gesteck, um das es heute in diesem Beitrag gehen soll, ist Teil einer alten, fast vergessenen Tradition. Es erzählt seine eigene Geschichte, welche mich zum Nachdenken gebracht und meinen vielleicht begrenzten theologischen Hintergrund erweitert hat. Seine Symbolik hat mich außerdem so berührt, dass ich sie hier unbedingt weitertragen möchte.
Weihnachtliche Zeichen – Krippe und Apfel
In den Gottesdiensten und Krippenspielen steht an Heiligabend ein Kind im Mittelpunkt: Jesus, das Neugeborene. Für die Glaubenden wird dieses Kind zur Quelle einer großen Hoffnung: Frieden auf Erden. Allen Menschen gilt die Zusage von Gottes Wohlgefallen, ein gewaltiges Versprechen. Das Kind in der Krippe ist Sinnbild und Leitbild für eine Liebe, die keine Grenzen kennt.

Der Apfel ist in der Weihnachtszeit auch fast allgegenwärtig: Er glänzt rot im Adventskranz, hängt am Christbaum, liegt in der Obstschale und er lebt auch in unserer Familiengeschichte weiter. Denn mein Henry hat, kaum ein Jahr alt, voller Inbrunst in einen Plastikapfel der bei uns am Baum hing gebissen. Noch heute sind die kleinen Abdrücke seiner Zähnchen zu sehen, eine Erinnerung, die uns natürlich jedes Mal zum Schmunzeln bringt.
Jenseits von Eden
Ende November stieß ich beim Schmökern in unserer Stadtbücherei in Neu-Ulm auf ein kleines Büchlein über bayerische Adventstraditionen. Gleich zu Beginn fiel mir eine Abbildung ins Auge: zwei nackte Gestalten mit einem Apfel – Adam und Eva. Neugierig fragte ich mich, was die beiden wohl mit Weihnachten zu tun haben könnten und ob die gute Eva vielleicht genauso inbrünstig in ihren Apfel gebissen hat wie unser Henry damals. Beide Aktionen waren irgendwie ernüchternd: Henry war immerhin nur total irritiert und wusste gar nicht, warum wir Erwachsene so gelacht hatten. Für Eva und ihren Adam hatte es etwas größere Konsequenzen, denn sie sind ja bekanntlich nach der Aktion aus dem Paradies rausgeflogen. Und wir? Wir sind jetzt Jenseits von Eden.

Das Paradeisl – Symbolkraft des Paradiesapfels
Hier kommt endlich das pyramidenförmige Gesteck ins Spiel, das Paradeisl heißt. Ursprünglich hatten Wanderarbeiter aus Südtirol Mitte des 19. Jahrhunderts die Tradition des Paradeisls nach Deutschland gebracht und im Bayerischen Wald verbreitet. Im Zuge der Industrialisierung wanderte der Brauch nach München, Augsburg und in weitere bayerische Städte.

Für das Paradeisl werden vier Äpfel auf Holzstäbe gesteckt, Kerzen hineingesetzt und das Ganze mit Tannenzweigen geschmückt. Ich habe gelesen, dass das Paradeisl als Vorläufer des Adventskranzes gilt, da seine Wurzeln bis ins Mittelalter zurückreichen. Doch gegen diese Vorstellung sträube ich mich, denn Vorläufer klingt für mich nach einer unfertigen Version 1.0, die erst verbessert und weiterentwickelt werden musste. Dem Paradeisl wird man damit jedoch nicht gerecht, denn seine Symbolkraft ist mindestens ebenso stark, wenn nicht sogar intensiver, als die des Adventskranzes. Die Botschaft ist nämlich folgende:
Heiligabend, der 24. Dezember, steht nicht nur für die Geburt Christi, sondern auch für die Vertreibung Adams und Evas aus dem Paradies. Ein Apfel wurde zum Zeichen ihrer Entscheidung. Wo der erste Adam das Paradies verlor, schenkt uns Christus, der zweite Adam, ein Neues. Mit dem Kind in der Krippe beginnt eine neue Geschichte voller Hoffnung und eine weitere Chance, jenseits von Eden. Der Paradiesapfel an Weihnachten lädt uns ein, zurückzukehren in den Garten Eden, und mit dem Paradeisl hat jeder ein kleines Paradies zu Hause.

Auf dem Foto oben seht ihr die Materialien, die ich für mein Paradeisl verwendet habe. Die Weidenstäbe habe ich mit einem Spitzer angespitzt, und für die Kerzenlöcher kam ein Apfelentkerner zum Einsatz. Damit die Kerzen stabil stehen, habe ich zusätzlich etwas Alufolie verwendet und die Tropfringe als kleine Manschetten um die Kerzen gelegt, so wirkt das Ganze gleich noch festlicher. Die Stäbe sind etwa 18 cm lang, und die Platte von IKEA hat einen Durchmesser von 36 cm. Ob wir nächstes Jahr wieder unser kleines Paradies im Esszimmer stehen haben, kann ich euch natürlich nicht versprechen – denn Traditionen müssen wachsen.
Virtuelle Kaffeekasse
Liebe Leser:innen,
mein Blog kommt ohne Werbung aus und alle Beiträge stehen euch kostenlos zur Verfügung, was auch so bleiben soll. Sollte Euch jedoch gefallen was ihr lest, freue ich mich über eine kleine Unterstützung.
