Urlaub im Baltikum

Kurzeme – unendliche Strände und Wälder

30. Mai 2018

Das westlich Lettland wird von der Ostsee, der Meerenge von Iben und der Rigaer Bucht umschlossen und die Küste besteht aus kilometerlangen Stränden mit weißem feinkörnigen Sand. Wir hatten eine tolle Zeit und auf einigen ursprünglichen Campingplätzen direkt an der Ostsee mit Meerblick gezeltet. Mir war bei der Suche der Campingplätze eher Individualität, die Lage und der Aspekt, dass die Besitzer freundlich sind, wichtiger als dass der Platz super modern ausgestattet ist. Oft hatten wir das Gefühl bei Bekannten im Garten zu campen 😉 . Die küstennahen Gebiete sind dicht bewaldet und es erinnert mich ein wenig an die französische Atlantikküste im Süden des Landes – dort fährt man auf den Küstenstraßen auch oft durch unendlich scheinende Pinienwälder.

Weiter im Norden zu sein heißt aber auch, dass die Nächte kürzer werden da die Sonne im Baltikum um diese Jahreszeit niemals untergeht und es so in den Nächten nicht dunkel wird. Die neue Headlamp von Decathlon hätte ich daher daheim lassen können und auch unser neues Zeltlicht für den Innenraum ist in den letzten Tagen nicht zum Einsatz gekommen und wird es wohl auch nicht mehr – Estland liegt ja bekanntlich nochmals ein Stückchen nördlicher 😉 .

Der mit knapp 80.000 Einwohner größter Ort der Region Kurland (lettisch Kurzeme) ist Liepāja. Die Hafenstadt ist auch gleichzeitig die drittgrößte lettische Stadt und der Hafen ist ein wichtiger Umschlagsplatz für allerlei Güter. Bevor ihr euch aber in Liepāja umseht müsst ihr einen kurzen Stop im Pape Nature Reserve direkt nach der litauischen Grenze machen. Warum? Weil es dort neben weitern schönen Stränden und unberührter Natur auch wildlebende Pferde zu beobachten gibt. Im Sommer könnt ihr mit eine Guide die Pferdeweiden besuchen und an einer geführten Wanderung teilnehmen. Leider war jetzt in der Vorsaison im Mai das Infohäuschen geschlossen und das Gatter vor dem Weidegebiet verriegelt. Trotzdem konnten wir die Pferde und auch ein paar Auerochsen mit dem Fernglas beobachten.

Wir hatten ja zuerst überlegt von Travemünde aus nach Liepāja zu fahren, uns aber preislich gegen die Stena Line und für die DFDS Seaways entschieden. Die Innenstadt ist sehenswerter wie die Klaipedas jedoch ist das Hafengebiet weniger übersichtlich. Was mir sofort gefallen hat war der schöne überdachte Markt und die anschließende Markthalle im Herzen der Stadt. Obst und Gemüse sind auch in Lettland, genau wie in Litauen sehr preiswert und die Qualität ist super. Vor allem ich als großer Fan von Blaubeeren und Kirschen bin voll und ganz auf meine Kosten gekommen.

In der Innenstadt lohnt sich auf jeden Fall der Besuch der Dreifaltigkeitskirche. Für 2 Euro pro Person kann man auf den 35 Meter hohen Kirchturm steigen und hat von dort aus einen tollen Blick über die Stadt und den Hafen. Beim Aufstieg auf den Turm darf man sich natürlich nicht an deutschen Sicherheitsstandards orientieren – es ist ja auch nichts dabei, um das Uhrwerk herumzuturnen nur um die nächste Leiter zu erklimmen 😉 .

Wenn man die Stadt Richtung Norden verlässt muss – und ich schreibe hier ausdrücklich MUSS – man dem ehemaligen Kriegshafen, auf lettisch Karosta, unbedingt einen Besuch abgestattet. Das Gebiet bzw. der Stadtteil war zu Sowjetzeiten militärisches Sperrgebiet und in den Kasernen haben hier bis zu 29.000 Soldaten gelebt. Das Gelände wird heute auch noch in Teilen als Kaserne genutzt, andere Teile liegen brach oder dienen als Wohnraum – die klassische “Platte” also. An dieser Stelle muss ich kurz erwähnen, dass Lettland bereits vor dem zweiten Weltkrieg Russland zugeschlagen wurde und die Besatzung durch die Deutschen lediglich ein kurzer Wechsel der Herrschaftsverhältnisse dargestellt hatte.

Das alte Militärgefängnis ist heute ein Museum in einem Stadtteil der Gegensätze. Da gibt es nur ein paar Blocks vom Museum entfernt, welches übrigens gut ausgeschildert ist, eine riesige russisch-orthodoxe Kirche deren goldene Türmen in der Sonne glänzen und in direkter Nachbarschaft die besagten halb verfallenen und auch nur hab bewohnten “Platten”. Es hat sich ein bisschen angefühlt als wäre man in ein Computerspiel hineingeraten und hinter der nächsten Ecke könnte einen jeden Moment ein wildes, nach dem Atomkrieg mutiertes, Rudel Hunde anfallen. Verstärkt wurde der Eindruck noch davon, dass nur wenige Menschen auf der Straße unterwegs waren und man immer den Eindruck hatte aus den dunklen, blinden Fenstern beobachtet zu werden. Die Kirche hat für mich wie eine Festung gegen das Böse gewirkt, was natürlich alles kompletter Quatsch ist und wahrscheinlich auf meinen “The Walking Dead” Konsum und die blühende Fantasie meinerseits zurückzuführen ist. Jetzt ernsthaft, ich würde die Gegend als normale Wohngegend definieren, in der man einfach sein Auto an der Straße abstellen kann und keine Angst haben muss ausgeraubt zu werden.

Im Museum wurden wir mit militärischem Ton empfangen und vom letzten, sich zwischenzeitlich in Rente befinden, Kommandanten der Haftanstalt durch das Gefängnis geführt. Die Führungen finden je zur vollen Stunde statt und die Sprache wird den Besuchern individuell angepasst – unsere Führung war demnach im Deutsch-Englisch-Kauderwelsch 😉 . Ohne Führung kann, entgegen der Info in meinem Reiseführer bzw. auf einem Flyer, das Museum nicht besichtigt werden. Die einstündige Führung war ungelogen eine der Besten die ich in den letzten Jahren erlebt habe. Das Gefängnis war für (O-Ton unseres Guides) “böse Soldaten” die dort ihre Strafe absitzen mussten. Absitzen ist eigentlich das falsche Wort, bis zu 17 Stunden am Tag exerzieren und arbeiten trifft es eher. Die Soldaten wurden generell von ein paar Tagen bis zu ein paar Wochen in der Haftanstalt eingesperrt, in der der jeweilige Kommandant der “Gott” war und persönliche Befindlichkeiten komplett fehl am Platz waren. In den Ausstellungsräumen des Museums war die ein oder andere interessante Militaria zu bestaunen, wobei mich der ABC-Schutz-Kinderwagen, den ich schon zuvor auf Abbildungen im Cold War Museum in Litauen gesehen hatte, am meisten geschockt und “beeindruckt” hat. Zur “Ausbildung” der Strafgefangenen gehörte es, diesen in vollem ABC-Schutzanzug (Gummikleidung und Gasmaske) gefüllt mit mehreren Ziegelsteinen als Säuglingsersatz um das Gefängnis zu schieben. Angeblich um ihnen klar zu machen, dass der Ernstfall jederzeit eintreten könnte.

Unser nächster Halt hat uns am folgenden Tag nach Kuldiga, einem Städtchen im Landesinnere und somit etwas abseits der Küstenlinie, gebracht. Dort haben wir uns auch ein wenig umgesehen, unser Hauptinteresse hat aber den Sandhöhlen und dem Wasserfall am Rande der Stadt gegolten. In der Stadt gibt es natürlich, wie in jedem kleineren oder größeren Örtchen, auch ein “Pils” zu besichtigen. Bisher hatte das keine allzu große Interesse bei uns geweckt, denn ich muss mir wahrlich nicht in jedem Ort das Heimatmuseum anschauen. Bei dem besagten Pils handel es sich um ein Herrenhaus, ein Schlösschen oder eine Burg – mal größer aber oftmals eher kleiner gehalten und ich finde den Begriff Schloss, den der Reiseführer inflationär verwendet, oftmals nicht angebracht. Kuldiga gehörte schon früh, sprich im 14. Jahrhundert, zu der Liga der Hansestädte und die Innenstadt ist demnach nett herausgeputzt und man ist sich seinem kulturellen Erbe touristisch durchaus bewusst.

Unterwegs in Kuldiga

Der mit ventas rumba ausgeschilderte besagte Wasserfall ist am Ortsausgang beinahe zu übersehen, genauso wie die Zufahrt zu den Sandhöhlen.  Bei einer Fallhöhe von knappen 2,5 Metern ist der Wasserfall mehr eine Staustufe. Mit seinen 240 Meter Breite ist er aber aber der breitesten Wasserfall Europas.

Wasserfall in Kuldiga

Den Weg zu den Sandhöhlen hätte ich ohne Google Maps oder ähnlichem nicht gefunden. Später am Weg erscheint zwar das Schild “smilšu alas”, aber zu dieser Kreuzung muss man auch erstmals kommen. Der Eintritt kostet 6 Euro pro Person und ich glaube die Führungen finden immer dann statt wenn auch Besucher da sind. Ein festes System habe ich hier nicht erkennen können. Die Sandhöhlen sind das Überbleibsel eines ehemaligen Bergwerks in dem Quarzsand für die Glasproduktion in Riga abgebaut wurde. Im Jahr 1991 wurde die am Flüsschen Riežupes liegende Schauhöhle geöffnet. Die etwa 30 Minuten währende Führung durch das Gewirr von Gängen war sehr kurzweilig und vor allem sehr witzig – wir konnten feststellen ob wir einander betrogen haben, einen Wunsch erfüllen und unsere Sünden “abstreifen”. Hochzeitspaare konservieren hier Teile ihre Blumenschmucks, der mehrere Wochen in dem Klima frisch bleibt. Jeder Besucher erhellt seine Tour mit einer eigenen Kerze, für Notfälle hält der Guide eine Taschenlampe bereit – trotzdem sind die Gänge nichts für Klaustrophobiker und Personen ab 1,80 müssen den Kopf ordentlich einziehen. Für die Besichtigung der Höhle sind nur ca. 450 Meter für die Besucher geöffnet und die restlichen 1,5 Kilometer bleiben im Berg verborgen.

Nach dem Besuch der Höhlen sind wir wieder zurück an die Küste gefahren und haben dort weiter Zwischenstopps in Ventspils und am Kap Kolka, dem nördlichster Punkt der Region Kurland eingelegt. In Ventspils waren wir nur für einen kurzen Kaffeestopp und haben uns ein wenig im Ort und dem Hafen umgesehen. Für lettische Verhältnisse ist Ventspils eine echte Großstadt: mit 42.000 Einwohnern, einem großen Hafen und einer Ordensburg der Kreuzritter (einem Pils 😉 ) pulsiert hier schon mehr das Leben und auch ein bisschen ist der Hauch der Großstadt zu spüren.

Mir hat es natürlich am Kap Kolka besser gefallen wie z.B. in Ventspils. Aber das hätte ich jetzt nicht unbedingt extra erwähnen müssen 😉 . Auf der Landspitze findet man kilometerlange Sandstrände und der typische Geruch der Küstenwälder steht in der Luft. Jetzt in der Nebensaison haben wir auf einem kleinen Parkplatz noch kostenlos geparkt und eine kurze Kaffeepause genossen, denn in Lettland ist man eh oft ganz weit weg vom hektischen Geschehen und so oft inmitten der wunderbaren Natur 🙂 .

Ein paar Kilometer weiter ist die es mit der Ruhe und er unberührten Natur abrupt zu Ende. Nur wenige Kilometer von Riga entfernt steppt im “Mallorca Lettlands” auch schon in der Vorsaison der Bär. Jūrmala ist eigentlich gar kein Ort, sondern lediglich der Überbegriff für die unzähligen kleinen Örtchen die sich wie die Perlen einer Kette an der Küste der Rigaer Bucht aneinander reihen. Trotz dem Trubel und den vielen Besuchern gibt es ein paar ruhige Nebenstraßen mit schönen hölzernen Villen, die wohl im vorherigen Jahrhundert schon mal ruhigere Tage gesehen haben. Wobei ich mir hier gar nicht so sicher bin, den schon um das Jahr 1920 herum haben die Badegäste und die Bewohner von Riga die Sommerfrische an der See genossen. Zu Sowjetzeiten waren hier an der Küste etliche Sanatorien und Kurbetriebe untergebracht. Ich bin ja immer hin und her gerissen – einerseits finde ich es toll an der Strandpromenade zu schlendern und in die vielen kleinen Lädelchen hineinzuschauen, andererseits sind mir einfach zu viele Menschen unterwegs und ich bin dann doch schnell genervt bzw. ein wenig überfordert mit der Situation. Der Zugang in den Küstenbereich rund um Jūrmala kostet übrigens zwei Euro Maut die an einem, zugegebenermaßen recht versteckten Automaten direkt an der Straße zu bezahlen ist. Man bekommt dann einen Art Parkschein als Zufahrtsschein für 24 Stunden. Die ganze Sache ist ein wenig verwirrend und kommt ihr von der Zufahrt aus Riga nach Jūrmala kann die Warteschlange fast einen Kilometer lang sein 🙁 .

Morgen fahren wir dann in die lettische Hauptstadt Riga. Ich habe bisher nur schönen und tollen über Riga gehört und gelesen und bin gespannt, was ich euch so berichten kann 🙂 .

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